Willkommen im Fight-Club!
Fussball
/ Benjamin Heidlberger / 28 Mai 2009 / Kommentar schreiben
Einziger Ost-Bundesligist gegen West-Traditionsclub: Cottbus und Nürnberg steigen am heutigen Donnerstag um 18.00 Uhr (live in der ARD) in den gefürchteten „Relegations-Fahrstuhl", der sich nach 18 Jahren Pause wieder in Bewegung setzt. Dabei wollen mit Kapitän Rost und Torwart Tremmel ausgerechnet ein Franke und ein Münchner dafür sorgen, dass die Cottbuser Multi-Kulti-Truppe nach dem Relegations-Rückspiel am 31. Mai in der obersten Etage aussteigen kann. Doch auch die Gäste aus Nürnberg wollen nach einer sensationellen Rückrunde ganz nach oben fahren. Cottbus oder Nürnberg - wer bleibt stecken?
DIE AUSGANGSLAGE
Ring frei für die letzte Runde im „Fight-Club":
Vereins- und Stadionsprecher Ronny Gersch, der im zehnten Jahr am Mikrofon sitzt, wird auch heute Abend wieder seinen Auftritt haben. Seit Jahren heizt er die Stimmung im "Stadion der Freundschaft" mit diesem Spruch an: „Eeeeeeeeeenergie-Fans, im Osten geht die Sonne auf, hier kommt das Licht, hier kommt die Energie, macht euch bereit für den Fight-Club, macht euch bereit für den Stolz der Lausitz!" FC steht in der Lausitz für „Fight-Club" - für die Kämpfer, die sich jede Saison aufs Neue in die Schlacht werfen, wohl wissend, dass es allein um den Klassenerhalt in der Bundesliga geht. Alles andere wäre reine Illusion. Die Regeln im „Fight-Club" sind klar definiert. Regel Nummer eins lautet: Es gibt keine Regeln im Fight-Club - kratzen, beißen und treten sind erlaubt! Regel Nummer zwei: Einer für alle, alle für einen! Regel Nummer drei: Die Kämpfe dauern genau solange, wie sie dauern müssen - 90 Minuten plus Nachspielzeit! Regel Nummer vier: Um dabei zu bleiben, tun wir alles! Regel Nummer fünf: Die rot-weißen Fans sind der 12. Mann auf dem Platz! Regel Nummer sechs: Wer am Ende noch laufen kann, der hat nicht alles gegeben! Regel Nummer sieben: Jeder im Fight-Club muss kämpfen - niemand wirft das Handtuch! Regel Nummer acht: Auch der Gong rettet nicht vor dem K.O.! Regel Nummer neun könnte etwa lauten: Totgesagte leben länger! Vor dem 34. Spieltag belegten die Cottbuser mit 27 Punkten einen direkten Abstiegsplatz. Aus eigener Kraft hätte man den drohenden Abstieg nicht mehr verhindern können. Doch durch das 2:2-Unentschieden zwischen Arminia Bielefeld und Hannover 96 wurde das Unmögliche noch möglich. Cottbus rutschte auf Relegationsplatz 16 und kann nun in zwei Relegationsspielen dafür sorgen, dass die Zuschauer in der Lausitz auch im nächsten Jahr erstklassigen Fußball zu sehen bekommen. Dabei schwört man auf die Schubkräfte des 3:0-Erfolgs über Bayer 04 Leverkusen. Der Sieg hat gezeigt, was in der Mannschaft steckt. Die Relegation ist ein Geschenk, das die Mannschaft unbedingt nutzen möchte. Schließlich war Cottbus zur Halbzeit des letzten Spieltages schon abgestiegen. Gegen den 1. FC Nürnberg geht es heute um viel, ja fast um alles. Für die Mannschaft, für den Verein, für die Fans und die gesamte Region. Cottbus will außerdem eine merkwürdige Serie brechen: Jeweils drei Jahre spielte der FC Energie seit der Wiedervereinigung in der Oberliga, der Regionalliga, der 2. Liga, der Bundesliga, der 2. Liga und zuletzt wieder in der Bundesliga.
Sollte die Serie halten und Cottbus absteigen, würde erst zum vierten Mal in elf Duellen der Zweitligist mit dem Fahrstuhl ins Fußball-Oberhaus fahren. Die Planungen für diesen Fall sehen erhebliche Einsparungen vor. Der Etat würde von 24 Millionen Euro auf 13 Millionen sinken, auf die Spieler kämen drastische Einbußen zu. Die meisten Verträge gelten auch nach dem Abstieg, die Gehälter aber würden um die Hälfte sinken. Sollte Cottbus tatsächlich absteigen, würde in der kommenden Bundesliga-Saison zum zweiten Mal seit der Wiedervereinigung kein Verein aus den neuen Bundesländern vertreten sein. Die Mannschaft weiß um ihre Verantwortung für die ganze Region. Cottbus versteht sich als kleines gallisches Dorf. Prasnikar, der Asterix aus dem Osten, nimmt den Kampf gegen die mächtigen Klubs aus dem Westen an. Cottbus hat konstant eine Arbeitslosenquote um die 20 Prozent, im Umland ist sogar jeder Vierte ohne Job. Die Einwohnerzahl ist seit der Wende stark gesunken, viele Betriebe mussten schließen. Selbst die Bundesliga hat zunächst keine Investoren angezogen, aber die Bundesliga bringt gute Stimmung in die Region. Nichts bewegt die Menschen so wie Fußball! Folglich haben sich die Kicker um Kapitän Timo Rost, die zu einem verschworenen Haufen mit einem großen gemeinsamen Ziel zusammen wachsen wollen, erneut in einem Kurztrainingslager auf das Relegations-Hinspiel vorbereitet. Gegen Arminia Bielefeld und Bayer 04 Leverkusen hat diese Maßnahme bereits gefruchtet. Gäste-Coach Michael Oenning weiß sehr wohl, was seine Elf nahe der polnischen Grenze erwartet. Energie hat ein kleines, enges Stadion mit 22.000 Zuschauern. Dieser Hexenkessel wird von der ersten bis zur letzten Minute brennen! Dennoch wollen die Nürnberger, die in der Zweitliga-Rückrunde Platz zwei belegten, alles daran setzen, den direkten Wiederaufstieg zu schaffen. Dabei vertrauen sie insbesondere auf die Treffsicherheit von Marek Mintal, der in der laufenden Saison 16 Mal einnetzen konnte.
DAS SPIEL
Die Energie-Kicker wollen im eigenen Stadion den Grundstein dafür legen, dass sie in der Summe der beiden Begegnungen gegen den Zweitliga-Dritten aus Nürnberg als Sieger hervor gehen. Zwar will FCE-Trainer Bojan Prasnikar als Gastgeber den Ton angeben und druckvoll nach vorne spielen, um Chancen in der Offensive zu suchen. Wichtig wird aber auch eine disziplinierte Abwehrarbeit sein, die angesichts der Auswärtstorregel möglichst keinen Gegentreffer zulässt. Daher denke ich, dass Cottbus im Hinspiel nicht auf „Teufel komm raus" die Entscheidung suchen, sondern ein kalkuliertes Risiko eingehen wird. Jubel für den Rubel: Für jeden Sieg gibt es bei Cottbus extra-Kohle. Seit dem Hannover-Spiel im Februar (3:1) kassiert jeder FCE-Profi pro Sieg 5000 Euro zusätzlich zur normalen Siegprämie. Energie gewann fünfmal - macht insgesamt 25.000 Euro pro Spieler extra! Zwei Siege gegen Nürnberg vorausgesetzt, kann jeder Spieler am Saisonende satte 35.000 Euro kassieren - zusätzlich zur individuellen Nicht-Abstiegsprämie, die jeder Spieler in seinem Vertrag hat. Für zusätzlichen Ansporn ist also gesorgt. Der 1. FC Nürnberg will sich in der Lausitz eine komfortable Ausgangsposition für das am Pfingstsonntag in Nürnberg stattfindende Rückspiel verschaffen. Da beim Comeback der Relegationskrimis die Europacup-Regel greift, nach der Auswärtstore bei Gleichstand doppelt zählen, könnte ein Treffer beim Relegations-Hinspiel in Cottbus schon Gold wert sein. Ich gehe folglich von einer Partie aus, die weitestgehend im Mittelfeld entschieden wird. Auf dieser Position sehe ich bei den Gastgebern klare Vorteile. Kapitän Rost, Ideengeber Skela und Rivic sind allesamt gute Fußballer, die ein Spiel prägen können. Beim „Club" sorgen dagegen ausschließlich Mnari und Kluge für Stabilität vor der Abwehr, während Mintal eigentlich als Stürmer fungiert. Vermutlich wird FCE-Trainer Bojan Prasnikar die Sieger-Elf vom letzten Spieltag in die Nervenschlacht schicken, die sich mit einer super Leistung aus einer fast aussichtlosen Situation rausgekämpft und Bayer 04 Leverkusen mit 3:0 weggepustet haben. Bei der Auswahl des Kaders hat der Energie-Trainer Prasnikar bereits beide Partien im Auge. Es scheint ihm daher wenig sinnvoll, angeschlagene oder nicht hundert Prozent belastbare Spieler am Donnerstag einzusetzen, wenn sie stattdessen am Sonntag helfen könnten. Angelov und Kukielka werden wohl auflaufen können, Top-Torschütze Rangelov wird dagegen weiterhin ausfallen und erst im Rückspiel im zum Personal gehören. Dass die Franken, die personell weitestgehend aus den Vollen schöpfen können, zuerst auswärts antreten, sieht Trainer Michael Oenning zwar als Vorteil, doch das Stadion der Freundschaft wird seinem Namen keine Ehre machen wird.
MEINE WETT-EMPFEHLUNG
Der FC Energie Cottbus wird das heutige Relegations-Hinspiel vor heimischer Kulisse auf keinen Fall verlieren! Bereits in der Bundesliga-Saison haben sich die Cottbuser in den wichtigen „Sechs-Punkte-Spielen" gegen vermeintliche Mit-Abstiegs-Konkurrenten stets kämpferisch und willensstark gezeigt. So wurden die Hinspiele gegen den Karlsruher SC (1:0) und Borussia Mönchengladbach (1:3) jeweils gewonnen, gegen Arminia Bielefeld trennte man sich 1:1-Unentschieden. In der Rückrunde setzte es lediglich gegen Gladbach eine Niederlage (0:1). Doch auch in dieser Begegnung gaben die Rot-Weißen den Ton an. Die Gäste aus Nürnberg haben in der 2. Liga stets selber das Spiel gemacht, gegen Cottbus müssen sie nun davon abweichen. Im kleinen und engen Stadion der Freundschaft, das mit 22.000 Zuschauern restlos ausverkauft sein wird, herrscht zudem eine einzigartige Atmosphäre. Ein weiterer Pluspunkt für Cottbus: Die Gastgeber sind mit den besseren Nerven für den Existenzkampf ausgestattet. Dieser könnte indes die Nürnberger lähmen, wenn es gegen Abstiegskampf erfahrene Energie-Kicker geht. Cottbus wurde schon abgeschrieben, ist wieder aufgestanden. Vom Kopf her ist man klar im Vorteil! Daher tippe ich bei Betfair zu einer Quote von 2.32 auf einen Cottbus-Sieg! Um kurz vor 18.00 Uhr wird Stadionsprecher Gersch stimmlich wieder alles geben, dann heißt es wieder: „Herzlich Willkommen in der Hölle, herzlich Willkommen im Fight-Club!" Die Sonne geht nicht im Osten unter. Auch heute nicht.
