Bayern Titelfavorit? Ich setze wieder auf Wolfsburg!
Fussball
/ Geisterfahrer / 15 August 2009 / Kommentar schreiben

Es ist ein alter Reflex, den Bayern die Favoritenrolle zuzuschustern. Dabei ist es schon verwunderlich, dass dem amtierenden Meister Wolfsburg mit Quoten von ca. 16.0 (vor Saisonbeginn) nur krasse Außenseiterchancen eingeräumt wurden.
Theoretisch gerät eine Mannschaft, bei der ein Trainer vier Spiele vor Saisonende seine Kündigung bekannt gibt, ins Straucheln. In Wolfsburg lief das ganz anders. Nachdem das Team erfuhr, dass Felix Magath das Amt des Trainers zur neuen Saison nicht mehr bekleiden würde, verloren sie zwar prompt gegen Stuttgart, rappelten sich jedoch gleich wieder auf, um 13 Tore (!) in den nächsten drei Spielen zu erzielen - und damit den Titel einzufahren.
Eine ähnlich einleuchtende Theorie besagt auch, dass Wolfsburg ohne Magath nicht in der Lage sein wird, seinen Titel zu verteidigen. So wie die Wölfe die Saison begonnen haben, lässt sich auch diese Theorie kaum halten.
Magaths Taktik war es, tief zu stehen und dann durch das präzise Passpiel von Misimovic, das Dribbling von Grafite und die Power von Dzeko, schnell zu kontern. Die meisten Teams durchschauten zwar diese Überfall-Taktik, konnten ihr aber nichts entgegen setzen. Veh setzt beim Wolfsburger Spiel nun vermehrt auf die moderne Variante des zeitgenössischen Fußballs: Mehr Ballbesitz, kurze Pässe, schnelle Kombinationen. Fast alle Spieler haben die Klasse dazu - und Misimovic ist der Dirigent. Wolfsburg ist der FC Barcelona light.
Warum sollten die Wölfe plötzlich nur jaulen, statt zu siegen?
Wolfsburg kommt zugute, dass sie fast den gesamten Kader halten konnten und so über eine eingespielte Truppe verfügen. Mit Grafite einigten sie sich nur wenige Tage nach dem Gewinn der Meisterschaft. Von sogar noch größerer Bedeutung ist der Verbleib der beiden Bosnier Dzeko und Misimovic. Nur drei Spieler verließen den Club, während fünf Neue kamen. Und bei denen kann man mit gutem Recht von Verstärkungen sprechen: Unter den Neuzugängen befindet sich der pfeilschnelle Nigerianer Obafemi Martins von Newcastle; der technisch starke algerische Mittelfeldspieler Ali Ziani aus Marseille; und der östereichische Mittelfeldmann Thomas Kahlenburg aus Auxerre (noch verletzt). 20 Millionen Euro haben allein diese drei Spieler gekostet. Wenn der VfL dadurch noch stärker wird, als in der Meister-Saison, warum sollte die Mannschaft dann nicht in der Lage sein, den Titel zu verteidigen?
Neue Zeiten erfordern ein neues Denken
Allerorten waren im Saisonvorfeld Lobeshymnen auf den "ach so erfahrenen" Louis Van Gaal zu hören. Armin Veh, Meistermacher in Stuttgart, war kaum jemand eine Erwähnung wert war. Es stimmt zwar: Unter van Gaal werden die Bayern im Laufe der Saison ziemlich sicher weit oben stehen. Aber aktuell deutet nichts daraufhin, dass Bayern München den anderen Teams auf und davon läuft. Mit zwei 1:1-Spielen zum Start haben die Bayern zumindest nicht gerade Schrecken verbreitetet. Und so kann man der Analyse von Armin Veh nur zustimmen: „Die Bayern sind nicht mehr so weit weg, wie sie es früher waren."
Klinsmann reloaded
Trotz der aktuellen Umstände bleiben die Münchner mit einer Quote unter 2.0 mit Abstand der heißeste Titelanwärter bei den wettenden Fußballfreunden. Ich denke, dies entspringt dem traditionellen Denken, dass die Bayern am Ende oft vorne stehen. Ein Erfahrungswert aus früheren Zeiten, mehr nicht.
Natürlich darf man den Saisonstart nicht überbewerten: Ribery war verletzt und es dauert, bis die Spieler das System ihres neuen Trainers verinnerlicht haben. Vorsorglich aber hat van Gaal schon Zeit für sich und seine Erfolge reklamiert - genau so, wie es sein Vorgänger Klinsmann tat.
Fakt ist, dass die Wolfsburger den Bayern auf Augenhöhe begegnen und den Vorteil eines eingespielten Kaders vorweisen. Auch die Fähigkeiten eines Armin Veh brauchen sich vor denen eines (in der Bundesliga unerfahrenen) Louis van Gaal nicht zu verstecken. Insofern war die Quotendifferenz zwischen 1.64 (Bayern) und 16.0 (Wolfsburg) zu Saisonbeginn alles andere als gerechtfertigt. Aktuell sind die Bayern die Jäger und Spitzenreiter/Titelverteidiger Wolfsburg der Gejagte. Ich jedenfalls bin froh, auf Wolfsburg gesetzt zu haben.
Wie sagte schon Addi Preißler: "Entscheidend ist auf dem Platz."